ARCH+ features 16: Rimini Protokoll und Imanuel Schipper
Das Regie-Kollektiv Rimini Protokoll zeigt in seiner Inszenierung „100% Zürich“, wie es aussieht, wenn Statistiken Gesichter bekommen: „Wer ist älter als 50 Jahre? Wer ist ausschließlich heterosexuell? Wer hat einen Schweizer Pass? Wer besitzt privat eine Waffe? Wem wurde schon einmal die Todesstrafe angedroht? Wer liest Statistiken? Wer fälscht Statistiken? Und wer hat sich während der Proben in einen anderen Teilnehmer verliebt?“ Zur Beantwortung solcher Fragen versammelt Rimini Protokoll 100 Menschen auf einer Bühne; nicht nur in Zürich. Deren Zusammensetzung repräsentiert ein mit der Stadt erarbeitetes, repräsentatives Bevölkerungsmodell: Diese 100 Menschen können statistisch relevante Aussagen treffen.

Bildnachweis: 100% Zürich, Rimini Protokoll, 2012. Foto: Pigi Psimenou.
Als „statistische Kettenreaktion“ bezeichnen Rimini Protokoll das Theaterprojekt. Für die Inszenierung von „100% Zürich“ wählte das Regie-Trio zunächst nur eine einzige Person aus: die Direktorin der Statistik der Stadt Zürich. Sie rekrutierte den nächsten Teilnehmer aus ihrem Bekanntenkreis, dieser wiederum den übernächsten, bis letztendlich 100 Menschen gefunden waren. Es gab nur eine Bedingung: Die vorgeschlagenen Teilnehmer mussten in die noch verbleibenden statistischen Kategorien passen, die die Bevölkerung von Zürich repräsentieren.

Bildnachweis: 100% Zürich, Rimini Protokoll, 2012. Foto: Pigi Psimenou.
„Stadt ist ein Ort, an dem Fremde miteinander leben können“, so Rimini Protokoll im Publikumsgespräch mit Imanuel Schipper. Schipper konzipierte und leitete die Konferenz reART:theURBAN, in deren Kontext die Veranstaltung stattfand. „Wir bringen die Leute auf der Bühne dazu, abweichende Meinungen auszuhalten.“ Und die Meinungen verändern sich im Lauf des Projektes, manche Teilnehmer wechseln von einer zur nächsten Aufführung ihren Standpunkt. „100% Zürich“ werde von den Teilnehmern eher wie ein Spiel wahrgenommen, nicht wie ein Theaterstück, „und tatsächlich wird nicht diskutiert, ob das Theater ist, was wir hier machen, oder nicht“, so Rimini Protokoll: „Die Menschen verbinden sich einfach miteinander.“

Im Bild: Imanuel Schipper, Stefan Kaegi, Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll). Foto: David von Becker.
Für Nikolaus Kuhnert ist die bildliche Darstellung von Statistik ein probates Mittel, um gesellschaftliche Prozesse zu visualisieren. Auch eine aktuelle Ausgabe der ARCH+ beschäftigt sich mit der politischen Empirie und versammelt Berichte von Menschen, die wissen wollten, wie es anderen Menschen ergeht, unter welchen Umständen sie wohnen und leben. Der Bezug zu „100% Zürich“ ist eng: Rimini Protokoll visualisieren städtische Verhältnisse mit den Mitteln des Theaters.

Im Bild: Anh-Linh Ngo und Nikolaus Kuhnert von ARCH+. Foto: David von Becker.
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