ARCH+ features 32: Die Klotz-Tapes
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„Dem Gründen war Klotz verfallen“, sagt Oliver Elser über Heinrich Klotz. Elser verweist damit auf die außerordentliche Fähigkeit des Museumsgründers, Zeitgeist zu erkennen und ihn in Form von Institutionen zu etablieren.

Oliver Elser ist Kurator am Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt. Er bearbeitete mit Myriam Pflugmann und Franziska Stein die Aufzeichnungen von Heinrich Klotz, die sogenannten Klotz-Tapes, und präsentierte diese nun im Zentrum für Kunst- und Medientheorie ZKM in Karlsruhe. Ein passender Ort: Das ZKM gründete Klotz 1989; vor etwas mehr als 25 Jahren.
Heinrich Klotz war Architekturtheoretiker, Publizist und Gründer des DAM in Frankfurt, des ZKM und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung; beide in Karlsruhe. Seit 1969 zeichnete er seine Eindrücke und Begegnungen mit Architekten auf Tonband auf. Auszüge aus diesen im DAM kuratierten Aufnahmen publizierte ARCH+ in einer eigenen Ausgabe mit dem Titel „Klotz-Tapes“. Die Typografie des Titels, ein rundes „O“ und das schräge „Tapes“, steht symbolisch für die rund 80 Tonbandkassetten, die Heinrich Klotz auf diesem Weg produzierte. Zusammen mit mehreren tausend Fotos, die Klotz persönlich erstellte, entstand so ein essayistisches, narratives und bildgewaltiges Werk über die Architektur der Postmoderne.
Eines der Fotos von Heinrich Klotz zeigt das TWA Flight Center von Eero Saarinen am John F. Kennedy Airport. Ein streng konzipiertes Bild, bei dem das Auto im Vordergrund kein Zufall ist. Klotz war es ein Anliegen, die architektonischen Objekte in ihrem Kontext, in ihrer Umgebung zu zeigen und sie so zum Sprechen zu bringen.
Heinrich Klotz war kein klassischer Architekturfotograf. Er wollte mit seinen Bildern vielmehr ein Gegenmodell zur Praxis der Architekturfotografie entwerfen, die ein autonomes, von Benutzungsspuren gereinigtes Objekt zeigt, bar jeder Bezugnahme zur Umgebung.
Jedes Interview vervollständigte Heinrich Klotz durch eine Porträtaufnahme des jeweiligen Architekten. Einer von ihnen war Robert Venturi, der Architekt des Vanna Venturi House in Pennsylvania. Dieses Gebäude, auch „Mothers House“ genannt, war für Klotz der zentrale Bau, mit dem die Postmoderne begann.
Das anschließende Gespräch moderierte Georg Vrachliotis, Professor am Karlsruher Institut für Technologie. Er erkennt in den Arbeiten von Heinrich Klotz ein Koordinatensystem mit den Achsen Sprache, Bild und Raum. Für Vrachliotis stellt sich resümierend die Frage, wer Klotz eigentlich sein wollte.
Heinrich Klotz wollte nicht als mächtiger Kurator wahrgenommen werden, meint Oliver Elser. Er sah sich selber eher als einen Menschen, der die Lust und die Leidenschaft hat, Institutionen zu gründen. Da er die Institution Museum als angestaubt empfand, sollten seine Einrichtungen lebendige Orte werden, die zum Nachdenken und zum Diskurs anregen.


Für Peter Weibel, Vorstand des ZKM, tragen die drei Achsen des Koordinatensystems, in dem Georg Vrachliotis das Werk von Klotz verortet, andere Einheiten. Er verweist auf die unglaubliche Leistung von Heinrich Klotz, in einem sehr kurzen Zeitraum drei florierende Institutionen zu gründen: das DAM, das ZKM und die HfG in Karlsruhe. Klotz sei ein intellektueller Visionär gewesen, der die Gegenwart für die Zukunft verändern wollte, so Weibel.
Anh-Linh Ngo von ARCH+ im Gespräch mit Irina Weiß von Siedle.
Alle Fotos: David von Becker
© 2017 S. Siedle & Söhne OHG
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