ARCH+ features 33: Arno Brandlhuber und Christian Kerez
Test
Welchen Stellenwert hat der Text in der Arbeit des Architekten? Diese Frage diskutierten die Teilnehmer der ARCH+ features im Vorhoelzer Forum an der TU München. Moderator Stephan Trüby sprach mit Arno Brandlhuber und Christian Kerez über ihre Projekte und die Ambivalenz von Textproduktion und Gebäudeproduktion.
Arno Brandlhuber ist Gründer des Büros brandlhuber+ und Professor für Architektur und Stadtforschung. Seine Arbeit zeichnet sich durch den subversiven Umgang mit den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Regeln aus, die die Arbeit des Architekten beeinflussen.
Eine Folge daraus kann Reduktion in Zeiten des progressiven Wachstums sein – wie bei seiner Antivilla. Dort reduziert er die Nutzfläche im Winter durch abgehängte PVC-Folien, um den Energieverbrauch zu senken. Das kann aber auch Übertreibung bedeuten, wie am Beispiel der Brunnenstraße in Berlin, Sitz seines Büros. Akribisch und übergenau erfüllte Brandlhuber dort die Anforderungen der Umwelt an das Gebäude. So ist das Dach nun extrem schräg, damit der Nachbar noch Sonne bekommt.
Oft setzt Brandlhuber sich, begleitend zu seinen Projekten, schriftlich mit den auf ihn wirkenden Kräften auseinander. Für den Architekten ist die Textproduktion ebenbürtig zur Gebäudeproduktion.
Im politischen und gesellschaftlichen Diskurs ist der Text für ihn ein mächtiges Instrument. Er entwirft so ein Pendant zu den Baugesetzen und den unterschwelligen politischen und wirtschaftlichen Erwartungshaltungen, denen Architektur genügen soll.
Auch der Schweizer Architekt Christian Kerez ist ein Architekt mit diskursnahem, intellektuellem Ansatz. Kerez, der an der ETH Zürich Design und Architektur lehrt, räumt den Dingen, die ihn in seiner Arbeit beeinflussen, einen großen Stellenwert ein. So finden sich auf seiner Website neben den Entwürfen seiner Bauten auch Fotos, Filmausschnitte, Schriften über Architektur oder Ausstellungshinweise. Alles „was woanders keinen Platz hat“ und doch Auswirkungen auf seine Arbeit hat.
Selbst die Widerstände, die seine kreative, entwerfende Arbeit behindern, fungieren als Katalysator für seine Arbeit, beispielsweise die Bauordnung. Der Entwurf eines Gebäudes ist für ihn auch immer eine Auseinandersetzung mit den Regeln, an die er sich halten muss. „An ihnen messe ich mich, an ihnen arbeite ich mich ab“, so Kerez. Resultat dieses Ringens ist unter anderem ein Gebäude am Zürichsee, das bis ins kleinste Detail exakt nach Bauordnung geplant wurde. Und prompt den Widerspruch der Behörden nach sich zog.
Es gibt also zwei unterschiedliche Textformen, die die Arbeit der beiden Architekten beeinflusst. Zum einen ist es der eigene, kreative Text, der den Entwurf eines Gebäudes gedanklich vorwegnimmt oder begleitet. Zum anderen sind es die statischen, strengen Vorgaben der Baugesetze oder der Bauherren, mit denen die Architekten sich auseinandersetzen müssen. Beide Positionen müssen permanent austariert werden.
Die narrativen Möglichkeiten der Architektur zeigen sich in der Sonderfertigung einer Türstation, die Siedle für Arno Brandlhubers Antivilla hergestellt hat. Deren Material, unbehandeltes Aluminium, das im Schwarzwald in Form gegossen wurde, erzählt mehrere Geschichten.
Es verweist auf die Wurzeln des Traditionsunternehmens Siedle, das sich aus einer Gießerei für die Schwarzwälder Uhrenmanufaktur entwickelte. Zugleich ist die Oberfläche der Türstation eine Reminiszenz an die Geschichte des Gebäudes: Sie wurde als Abguss des DDR-Putzes geformt, mit dem das Haus ummantelt ist. Die Oxidation des unbehandelten Materials ist gewollt, die Verwitterung der Bauelemente Ausdruck des Konzeptes von Brandlhubers Architektur, die Geschichte und Zeitlichkeit einen eigenen Wert gibt.
Das vollbesetzte Vorhoelzer Forum war zu klein für den Andrang. Per Liveübertragung in den Vorraum konnten über 250 Personen der Veranstaltung folgen.
Bildmitte: Arno Brandlhuber, im Vordergrund Anh-Linh Ngo, Redakteur von ARCH+.
Im Gespräch: Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der TU München, und Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt.

Alle Fotos: David von Becker.
© 2017 S. Siedle & Söhne OHG
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